Bindung (Attachment): Nestwärme, einmal wissenschaftlich betrachtet

Ich gebe zu: Meinem Kind wollte ich vom ersten Tag an nichts lieber geben als Nähe. Klar, das war auch ein wenig egoistisch gedacht. Aber mir kam nicht in den Sinn, dass daran irgendetwas falsch sein könnte. Erst im Gespräch mit anderen Eltern kam ich darauf, dass körperliche Nähe und ein liebevolles Umfeld nicht für jeden das Allheilmittel sind, um Babys glücklich zu machen.

Bindungstheorie nach William und Martha Sears

Wesentliche Studien zur Mutter-Kind-Beziehung gehen auf den Kinderarzt William Sears und seine Frau Martha, Krankenpflegerin und Still-Beraterin, zurück. Sie bezeichneten 1985 die Erziehung mit Schwerpunkt auf Bindung als Attachment Parenting, ein Begriff, der sich bis heute hält, allerdings unterschiedlich verstanden wird. Nach Sears ist die bindungs- oder bedürfnisorientierte Erziehung durch fünf Merkmale gekennzeichnet, die im englischen Original alle mit dem Buchstaben B beginnen und deshalb auch als die fünf Baby-Bs bekannt wurden: Birth bonding ist der Augen- und Körperkontakt, der direkt nach der Geburt in einem sehr kurzen Zeitfenster aufgenommen werden sollte. Breastfeeding, das Stillen, empfehlen die beiden Sears für ein bis vier Jahre und widersprechen damit der Weltgesundheitsorganisation, die sechs Monate für ausreichend hält. Es gibt mittlerweile Studien, die in der geistigen und seelischen Entwicklung keine signifikanten Unterschiede zwischen Still- und Flaschenkindern feststellen können. Babywearing meint das möglichst häufige Tragen des Kindes am Körper, zum Beispiel in einem Tragetuch – der beruhigende Effekt ist bekannt.

Bedding close to baby, also das Schlafen in der Nähe (aber nicht im selben Bett, das ist nämlich gefährlich), ist die logische Fortsetzung für die Nacht. Baby’s cry, die Beachtung des Schreiens, schloss die ursprüngliche Aufzählung ab. Später kamen noch zwei weitere B hinzu: Beware of baby trainers war Sears‘ eindringliche Warnung vor Schlaftrainings, und ehrlich gesagt würde ich es auch nicht übers Herz bringen, meiner Kleinen schreiend zu mehr Selbstständigkeit beim Einschlafen zu verhelfen. Immerhin nimmt das siebte B, Balance, Bezug auf einen häufigen Kritikpunkt am Attachment Parenting. Die Bedürfnisse von Kind und Eltern müssen ausgewogen erfüllt sein, denn wenn ich wegen Schlafmangel in den Seilen hänge oder Rückenschmerzen vom Herumtragen habe, ist damit niemandem gedient.

Der Helikopter bleibt am Boden

Macht mich mein Wunsch nach Nähe nun zur Helikopter-Mutter, die ihr Kind in ein paar Jahren mit dem Auto bis vors Schultor fahren und beim Elternsprechtag der Schrecken aller Lehrer sein wird? Ich hoffe nicht. Man muss vielleicht auch sehen, dass William und Martha Sears aus einem konservativ-evangelikalen Weltbild heraus argumentierten, das mit der Realität zum Beispiel von alleinerziehenden Elternteilen wenig zu tun hat. Da funktioniert umfassendes Attachment Parenting schon aus ganz praktischen Gründen nicht. Und ich denke, das ist auch gut so. Glücklicherweise ist die Welt nicht schwarz-weiß. Die Mischung macht es. Deshalb darf mein Kind auch schon mal ganz selbstständig schreien.

vsadmin

Your Header Sidebar area is currently empty. Hurry up and add some widgets.