High Need Babys – hilfreiche Diagnose oder unnützer Stempel?

Hast du ein High Need Baby? Falls du nicht weißt, was das ist, ist dein Kind vermutlich auch keines. Oder du bevorzugst noch das unschöne Wort Schreikind.

Zwölf Merkmale nach Professor Sears

Der Begriff High Need Baby wurde von William Sears und seiner Frau Martha geprägt. Als Eltern von acht Kindern wissen sie vermutlich, wovon sie da reden. Und vom Fach sind Sie auch: Er ist Arzt für Kinderheilkunde mit einer Professur in Kalifornien, sie ist Krankenpflegerin und Still-Beraterin. Sears ist in den USA durch Auftritte in Fernsehshows recht bekannt. 1982 publizierte er mit großem Erfolg über bindungsorientierte Erziehung. Erwähnenswert ist sicher auch das Engagement der Sears‘ in der evangelikalen Kirche. Auch in diesem Kontext gibt es ein Buch (1997) von William und Martha Sears, das die Verbindung zwischen bindungsorientierter und christlicher Erziehung herstellt.

Man darf William Sears also durchaus glauben, dass er die Einordnung von Kindern als High Need Babys nicht abwertend meint. Er legt auch Wert darauf, dass es sich eben nicht um die Diagnose einer Krankheit handelt, sondern um die Beschreibung eines Zustands. Zwölf Kriterien hat er dafür aufgestellt. Sie alle im Detail zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Blog-Beitrags sprengen. Zusammengefasst geht es um Kinder, die lauter und fordernder schreien, häufiger gefüttert werden müssen, sich nicht widerspruchslos ablegen lassen, schlecht einschlafen bzw. nicht durchschlafen, weil sie sich nicht selbst beruhigen können und unter Trennungsängsten leiden, kurz gesagt, die stets einen empfindlichen, unzufriedenen Eindruck machen und emotional unberechenbar sind.

Kinder unterscheiden sich

Erkennst du dein Kind wieder? Ich schon – glücklicherweise aber nur tage- oder stundenweise. Offensichtlich habe ich ein High Need Baby in Teilzeit. Die Sears-Familie kam auf den Begriff, weil ihr viertes Kind sich auffällig anders verhielt als seine drei Geschwister im gleichen Alter. Eine Erkenntnis lässt sich daraus schon einmal ableiten: An den Eltern liegt es offenbar nicht, es sei denn, sie hätten ihr Verhalten zwischen Kind drei und vier radikal verändert – wenig wahrscheinlich. Eigentlich beschreibt High Need Baby also nur die Tatsache, dass jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit hat, und das schon im Babyalter. Mal ehrlich: Du kennst doch bestimmt auch viele High Need Erwachsene, oder? Mir begegnen sie ständig.

Du hast kein Problemkind

Wichtig finde ich, dass High Need Babys, wenn man sie denn in diese Schublade stecken möchte, keine Problemkinder sind. Wenn das Etikett ein Gutes hat, dann die Erkenntnis, dass weder wir Eltern versagt haben noch das Kind irgendwie krank ist, sondern einfach ein anderes Temperament besitzt. Mit diesem Wissen lässt sich die Sache vielleicht etwas gelassener anpacken. High Need bietet die Chance, Schwächen zu akzeptieren und Stärken zu fördern. Achte doch einfach mal darauf, in welchen Situationen dein ach so anstrengendes Kind seinen Altersgenossen etwas voraushat. Du wirst fündig, ganz sicher.

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