Schnuller oder Daumen? Experten-Meinungen und meine Erfahrungen

„Und vor allem, Konrad, hör‘! Lutsche nicht am Daumen mehr“ – Beim Struwwelpeter geht es ja bekanntlich nicht zimperlich zu. Und so verlor Konrad, der unartige Daumen-Lutscher-Bub, durch die Schneiderschere beide Daumen. Pädagogisch heute vielleicht nicht mehr auf dem neuesten Stand, aber die Lehre aus der Geschichte, dass Daumenlutschen unterbunden werden muss und ein Schnuller die bessere Wahl ist, gilt doch auch heute noch. Oder?

Der angeborene Saugreflex

Schnuller oder Daumen – ein beliebtes Streitthema unter Fachleuten und Laien. Einigkeit besteht darüber, dass das Nuckeln weder unnatürlich noch böse ist. Im Gegenteil, der dem Menschen und auch allen Säugetieren angeborene Saugreflex ist lebenswichtig. Niemand hat uns beigebracht, wie wir an der Brust oder an der Flasche trinken müssen, wir können es einfach, und deshalb sind wir nicht verhungert, bevor wir das Saugen (eigentlich: das Herauspressen der Milch mit Zungenspitze und Gaumen) gelernt haben. Nun hat es die Natur aber vielleicht ein wenig zu gut mit uns gemeint. Der Saugreflex hält nämlich auch an, wenn das Baby längst satt ist. Die natürlichste Art, sich Befriedigung zu verschaffen ist, sich etwas in den Mund zu stecken. Die Daumen sind dabei jederzeit (Achtung, Wortspiel) zur Hand.

Nachteile des Daumenlutschens

Gerade diese ständige Verfügbarkeit ist ein wesentliches Risiko beim Daumenlutschen. Hat dein Baby einmal die praktische Funktion der Daumen erlernt, wirst du deine liebe Not haben, ihm das wieder abzugewöhnen. Der Daumen tröstet und beruhigt. Selbst wenn das Saugbedürfnis üblicherweise bis zum dritten Lebensjahr verschwindet, bleibt dieser lieb gewonnene Effekt. Vielleicht hast du oder jemand in deinem Bekanntenkreis ja schon einmal versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen? Dann weißt du, wovon ich spreche. So praktisch der Daumen ist, so ungünstig ist er anatomisch als Bio-Schnuller. Er ist hart und von seiner Form her dazu geeignet, Probleme hinsichtlich der Entwicklung des Kiefers und einer Fehlstellung der vorderen Schneidezähne zu verursachen.

Mit drei Jahren ist Schluss

Überwiegende ärztliche Lehrmeinung ist, dass Daumenlutschen bis zum Altern von drei Jahren unproblematisch sei. Je nachdem, in welche Studie man schaut, lutschen zwischen knapp 70 % und über 90 % der Babys in den ersten beiden Lebensjahren am Daumen. Ich habe meinen Kindern in diesem Alter den Daumen gelassen, hatte aber bei einem der beiden Jungs große Probleme, ihm das Daumenlutschen später abzugewöhnen.

Ich würde deshalb rückblickend früher den Schnuller einsetzen. Ab einem Alter von etwa acht Wochen ist man auf der sicheren Seite, was gelegentlich beobachtete sogenannte Saugverwirrungen durch den Wechsel zwischen Brust und Schnuller angeht. Soll dein Kind auf den Daumen verzichten, muss ein sterilisierter und in der Größe passender Schnuller aber auch wirklich immer zur Hand sein, unterwegs und auch nachts. Spätestens ab dem dritten Geburtstag sollte aber die Schnullerfee bestellt werden. Für den Kiefer ist der Schnuller nämlich fast so schlimm wie der Daumen. Außerdem beeinträchtigt der Schnuller im Mund die Sprachentwicklung, weil sich die Zunge im Mund nicht frei bewegen kann.

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