Selektiver Mutismus bei Kindern

Es ist, als hätte jemand die Mute-Taste auf der Fernbedienung gedrückt: Plötzlich spricht das Kind nicht mehr. In fremder Umgebung und gegenüber unbekannten Gesprächspartnern kann das eine ganz normale Schüchternheit sein. Möglicherweise steckt aber auch eine wenig bekannte Erkrankung dahinter, der selektive Mutismus.

Genau wie das englische Wort mute stammt auch die Bezeichnung Mutismus aus dem Lateinischen. Mutus bedeutet stumm. Selektiver oder auch elektiver Mutismus liegt vor, wenn der Betroffene nur in bestimmten Situationen nicht spricht, obwohl er dazu körperlich in der Lage ist. Selektiver Mutismus bei Kindern ist also keine Sprachstörung in eigentlichen Sinn. Ausdrucksweise, Aussprache und Verständnis von Wörtern und Sätzen sind in der Regel normal. Allerdings kann selektiver Mutismus die weitere Sprachentwicklung behindern, weil es dem Kind an fördernden Dialogen fehlt. Außerdem besteht die große Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Eine frühzeitige korrekte Diagnose und eine zielgerichtete Behandlung sind deshalb sehr wichtig.

So erkennst du selektiven Mutismus

Ist dein Kind eher empfindsam und ängstlich? Redet es zu Hause ganz normal, schweigt aber konsequent zum Beispiel im Kindergarten oder bei Anwesenheit von Freunden und Verwandten? Vermeidet es in diesen Situationen auch Lachen, Weinen oder Husten, erstarrt es möglicherweise sogar in Mimik oder Körperhaltung? Das sind typische Anzeichen von selektivem Mutismus. Im Kindergarten haben Kinder, die unter selektivem Mutismus leiden, oft Probleme, wenn sie ganz alltägliche Interaktionen beginnen sollen. Begrüßung und Verabschieden, um etwas bitten oder sich zu bedanken sind Situationen, die es verstummen lassen. Dabei sind Mutismus-Kinder keinesfalls desinteressiert, sondern beobachten ihre Umwelt und nehmen Emotionen anderer sehr genau wahr. Ist die Phase kürzer als ein Monat, solltest du dir noch nicht allzu viele Sorgen machen. Man spricht dann von passagerem (vorübergehendem) Mutismus. Er tritt häufig auf, wenn das Kind zum Beispiel in eine neue Kita-Gruppe kommt, eingeschult wird oder eine Trennung überwinden muss. Zeit zum Handeln ist es, wenn solche Symptome länger als einen Monat anhalten oder mit weiteren Auffälligkeiten wie Stimmungsschwankungen, Bettnässen, Angst, allein einzuschlafen oder echten Depressionen einhergehen.

Hörtests und körperliche Untersuchungen nötig

Der Arzt wird im Rahmen der Anamnese von dir wissen wollen, wann die beobachteten Symptome eingesetzt haben bzw. wie lange sie schon bestehen und in welchen Situationen der Mutismus auftritt. Du solltest dir im Vorfeld schon Gedanken machen, ob du einen Auslöser identifizieren kann – da sind die Mediziner auf deine Hilfe angewiesen. Bei Schulkindern ist ein Blick auf die schriftlichen Leistungen interessant. Sie können überdurchschnittlich sein, wenn das Kind sein Schweigen darüber zu kompensieren versucht. Selektiver Mutismus ist eine seltene Erkrankung, sie betrifft weniger als eins von tausend Kindern. Deshalb müssen zunächst durch gezielte Untersuchungen organische und psychiatrische Erkrankungen ausgeschlossen werden, zum Beispiel ein Tumor oder eine Entzündung im Gehirn, Schwerhörigkeit, Autismus und Schizophrenie.

Individuelle Therapien

Ist selektiver Mutismus diagnostiziert, sollte ein Psychotherapeut eine auf den kleinen Patienten angepasste Behandlung möglichst schnell beginnen. Bei kleineren Kindern wird dabei auf Musik-, Gestaltungs- oder Spieltherapie zurückgegriffen. Der nach ICD10 als Angststörung definierte Mutismus wird nicht mittels Verhaltenstherapie behandelt. Diese kann erst nach einer erfolgreichen Psychotherapie zur Stabilisierung und Festigung angewendet werden. Ebenso ist eine Gruppentherapie – wenn überhaupt – erst nach einer erfolgreichen Psychotherapie sinnvoll, denn ein mutistisches Kind wird in einer Gruppentherapie definitionsbedingt nicht sprechen. Diese Form der Behandlung kann daher erst erfolgen, wenn das mutistische Kind spricht. Antidepressiva können sinnvoll sein, aber nur in Kombination mit einer Psychotherapie. Es gibt mittlerweile in jeder größeren Stadt (Frankfurt, Berlin, Hamburg, München, Starnberg etc.) gute therapeutische Netzwerke; an diese Mutismus-Zentren können sich Eltern betroffener Kinder wenden.

Bild: Alex Blăjan / Unsplash

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